J: „Mama, ich will keine Kinder!“

Ich: „Wieso denn nicht Schatz?“

J: „Weil, ich nicht möchte, dass sie wie bei Dir aus dem Bauch geschnitten werden.“

Ich: „Mein Schatz, dass die Kinder mit einem Schnitt in den Bauch auf die Welt geholt werden, dass ist nicht normal. Das ist eine große Ausnahme und ich denke und hoffe, dass Du Deine Kinder nicht mit einem Schnitt in den Bauch auf die Welt bringen musst.“

Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Gespräch mit meiner Tochter für Euch aufschreiben soll. Denn es ist ein wirklich privates Thema, voller Emotionen. Aber ich finde es wichtig darüber zu reden, weil es für uns Mütter wichtig ist, weil es für unsere Kinder wichtig ist und wenn wir ehrlich sind, ebenfalls für die Gesellschaft.

Seit 6 Jahren bin ich eine Mutter, deren Zwillinge mittels eines Kaiserschnitt auf die Welt gebracht wurden. Die Narbe erinnert mich daran. Sie ist ein Teil von mir und meinem Körper geworden, der einfach da ist, der zu mir gehört, den ich akzeptiert habe.

Ich hatte viel Zeit mich an den Gedanken eines möglichen Kaiserschnittes zu gewöhnen. Bei einer Zwillingsschwangerschaft, ist das ein Thema an das man schon bald durch den betreuenden Arzt, die Hebamme und die Medien herangeführt wird – immer als Option, nicht als ausschließliche Möglichkeit. Es war also eine Geburtsvariante, die möglich war. Es war eine weitere Option, die in Frage kam, je nachdem wie sich die Schwangerschaft und die Kinder entwickeln würden. Als ich in der 19 SSW aufgrund von Vorwehen und einem stark verkürztem Gebärmutterhals plötzlich in das Krankenhaus musste und dort 10 Wochen lag, wurde das Thema immer gegenwärtiger. Ich bekam Aufklärungsgespräche über mögliche Komplikationen, über Voll- und Teilnarkose. Bei der täglichen Arztvisite wurde die aktuelle Entwicklung besprochen und wie die Zeichen für eine natürliche Geburt bzw. einen Kaiserschnitt standen. Ich hatte also viel Zeit mich mit diesem Thema zu beschäftigen und meinen Frieden mit der möglichen Option der Bauchgeburt meiner Kinder zu machen.

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hatte ich auch wirklich, tiefempfundenen Respekt vor einer natürlichen Geburt, vielleicht sogar Angst. Ich denke dies ist nicht ungewöhnlich, denn es ist für uns Erstgebärende eine Situation, die schwer im Vorhinein zu ergründen ist. Es braucht viel Vertrauen in unsere Naturkräfte, unsere Instinkte, in uns. Auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Geburt unserer Kinder braucht es zudem eine gute Begleitung während der Schwangerschaft, mit deren Hilfe Ängste verarbeitet werden können, wo wir be- und gestärkt werden. Glücklicherweise gibt es auch immer mehr Möglichkeiten sich diesem Respekt oder gar Ängsten anzunehmen, Wege zu erarbeiten mit ihnen umzugehen, sie zu äußern.  Und das ist gut. Ich hatte diese Möglichkeiten nicht. Sie kamen nicht angeflogen. Dafür war kein Raum. Ich lies es auf mich zukommen, teilweise naiv, gutgläubig.

Die Entwicklungen innerhalb meiner Schwangerschaft wiesen immer mehr darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit groß war, dass meine Kinder mittels Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden würden. Im Nachgang kann ich nicht verhehlen, dass ein kleines Maß an Erleichterung sich bei mir breit machte. Der Kaiserschnitt war für mich greifbarer, als die natürliche Geburt – planbarer, nicht nur für mich. Dann im November 2011 musste aufgrund von Fruchtwasserverfärbung und steigender Entzündungswerte nach einem Blasensprung bei mir ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden.

Ich bin kein Freund von Verherrlichung. Ein Kaiserschnitt ist nicht schön.

Ich lag fast unbeteiligt mit dem Oberkörper hinter einem Vorhang. Es ruckelt, es piept, es ist steril, die beteiligten Personen sind unbekannt.

Es war nicht schön. Aber für mich war es auch kein Schreckgespenst.

In diesem Moment wurden meine Kinder geboren, die ich so lange ersehnt hatte, für die ich bereits in der Schwangerschaft alles tat, damit sie gesund auf die Welt kommen können. Es war der Moment, wo ich die kleinen Bauchmenschen endlich empfangen durfte. Das „wie“, war mir in dieser Situation tatsächlich vollkommen unwichtig. Es ging nur um meine Kinder, um ihr Leben, welches unser Leben so bereichern sollte. Der Begriff Bauchgeburt ist mir seit dem sehr nah, viel angenehmer als das Schreckenswort „Kaiserschnitt“. Denn es war der Geburtstag meiner Kinder und von mir als Mama.

Ich bin dafür dankbar.

Dankbar dafür, dass meine Kinder, wenn auch viel zu früh in der 28 SSW, gesund das Licht der Welt erblicken durften, sie durch den heutigen Stand der Medizin Chance auf Leben hatten. Dafür nahm ich die Operation und nehme ich die Narbe an meinem Körper von Herzen gerne an. Für mich und meine Kinder war die Operation ein Glücksfall, denn vor noch nicht all zu langer Zeit, hätten meine Kinder zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft wahrscheinlich nicht überlebt. Für mich ganz persönlich war es kein traumatisches Erlebnis, ich hatte viel Zeit mich darauf einzustellen.

Für mich war es rückblickend ein glücklicher Umstand in einer besonderen Situation.

Seit dem gehört meine Kaiserschnittnarbe zu mir, zu uns, und ich spreche mit meinen Zwillingsdamen ganz offen darüber. Sie sehen sie wenn ich Dusche oder mit ihnen bade, sie dürfen sie anfassen, fragen. Es beschäftigt sie, wie unser Gespräch zu Beginn Euch zeigt, und ich versuche es kindgerecht mit ihnen zu besprechen, ihre Angst aufzufangen und alles in die richtige Perspektive zu setzen. Auch wenn es für unsere Situation der einzig gangbare Weg, absolut notwendig, war, bedeutet es nicht, dass ein Kaiserschnitt der normale Geburtsweg ist. Das ist er ganz und gar nicht.

Einen Paradigmenwechsel darf es nicht geben und wir steuern, wie die steigenden Kaiserschnittraten zeigen, immer mehr darauf hin. Auch sollten wir uns klar sein, dass es nicht die sicherere Geburtsvariante im Vergleich zur natürlichen Geburt ist. Der einzige Vorteil über die letzen Jahre ist, dass diese Geburtsform mit mehr Routine beherrscht wird und damit immer weniger Komplikationen im Vergleich zu früheren Zeiten verbunden sind. Nicht mehr und nicht weniger. Das Wissen, dass ein Kaiserschnitt eine Ausnahme und nicht der Standard ist, muss erhalten bleiben.

Dieses Wissen muss ich an meine Kinder weitergeben, damit sie sich und ihrem Körper, ihren natürlichen Instinkten und ihre Fähigkeiten vertrauen. Gleichzeitig möchte ich ihnen gegenüber die Bauchgeburt nicht als Horrorszenario beschreiben, sondern ihre Angst auffangen und ihnen die Hintergründe erläutern. Es gehört zu unserer Geschichte und hat uns ein Leben als Familie ermöglicht. Es ist unsere normalgewordene, persönliche Realität.

Viele Frauen erleben einen Kaiserschnitt als schweren Einschnitt, sie fühlen sich als wären sie der natürlichen Geburt beraubt worden. Sie leiden, sie verzweifeln, sind tieftraurig. Ich verstehe es und fühle tief mit ihnen. Wenn aus Zeit- oder Personalmangel, aus Unfähigkeit, aus Unwissenheit eine Schwangere zu einer Kaiserschnittgeburt gedrängt wird, dann ist dies einfach schrecklich. Und ein Problem, welches unsere Gesellschaft unbedingt benennen und angehen muss.

Doch vergessen wir bei diesen Aspekten nicht Mütter wie mich, die für die Möglichkeit der Bauchgeburt dankbar sind, denen dadurch das Leben ihrer Kinder geschenkt wurde.

Und dieser Dankbarkeit schäme ich mich nicht.

Inga

Wenn Ihr Euch weitergehend zu dem Thema Kaiserschnitt bzw. Bauchgeburt belesen möchtet, dann schaut unbedingt einmal auf der Seite von bauchgeburt vorbei.

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Bildquelle: ©esther mauersberger